Im Jahre 2001 habe ich mit Professor Dr.-Ing. Walter Haas, meinem Lehrer für Baugeschichte an der Technischen Universität Darmstadt, ein Interview geführt und auf meiner damaligen Website www.denkmal-dialog.de veröffentlicht.
Anlässlich seines Todes am 16. Januar 2005 möchte ich das Gespräch hier noch einmal wiedergeben.
dd: Wenn Sie den typischen Berufsweg des Architekten betrachten, fühlen Sie sich dann eher als Architekt oder als Bauhistoriker?
Haas: Ich sehe darin im Grunde keinen Gegensatz. Und zwar deshalb, weil der Bauforscher nur Bauforscher sein kann, wenn er Architekt ist. Andererseits, wenn Sie das Architektsein mit dem Bauen, dem Entwerfen und Ausführen von Bauten gleichsetzen, dann gilt, was ich immer behaupte: Ich habe Architektur studiert, um kein Architekt zu werden.
dd: Sie haben also schon mit dem festen Vorsatz studiert, nicht zu bauen?
Haas: Der Anlaß, Architektur zu studieren war das Interesse an historischer Architektur, und dabei eben nicht mit der Frage, "Was mache ich daraus?", sondern mit der Frage: "Warum ist das so?" Und das ist der entscheidende Unterschied zwischen dem bauenden Architekten, den es immer in den Fingern kribbelt, und mir, der ich immer von dem ausgehe, was ich vorfinde und dazu die Frage stelle, "Wie ist das eigentlich zustande gekommen?" Allerdings ist die baugeschichtliche Betrachtungsweise im Gegensatz zur kunstgeschichtlichen die mit den Augen und der Denkweise des Architekten. Und die ist wieder anders als die des Kunsthistorikers, der in der Regel zuerst Form und manchmal auch Struktur, aber in aller Regel eben nicht Konstruktion sieht und sich weniger für Dispositionen interessiert.
dd: Ist für Sie Bauforschung also zu allererst Gefügeforschung bzw. der Versuch, bauliche Struktur zu verstehen?
Haas: Es sind eine ganze Reihe von Fragen, die man sich stellt. Die erste ist: "Wie ist der Bau zustande gekommen? Was sind die Voraussetzungen, daß ein solcher Bau überhaupt entsteht?" Dann die Frage: "Wie ist der Bauverlauf, also der reine Arbeitsvorgang?" Darüber kommt man natürlich auf den Entwurfsvorgang: "Welche Vorgaben hatte der Architekt, was brachte er selbst an Erfahrungen mit?" In der bloßen Frage: "Wie ist ein Bau zustande gekommen?" steckt schon wieder ein ganzer Fächer von Einzelfragen. Das zweite ist: "Wofür ist der Bau errichtet worden?" Das ist die Frage nach dem Bauprogramm, und daran schließt sich eng die Frage nach der Benutzung eines Baus an. Das sind alles Betrachtungsweisen, die dazugehören; das Baugefüge ist ein Element davon.
dd: Man hat also eine Aufgabe, und aus dieser kristallisieren sich Fragestellungen heraus?
Haas: So ist es mir häufig ergangen. Wenn man natürlich so etwas schon einmal gemacht hat, geht man an den nächsten Bau mit älteren Fragestellungen und Erfahrungen heran, plötzlich fällt einem an einem anderen Bau etwas auf, das eine Frage beantwortet, die früher offen geblieben war.
dd: Kunsthistoriker und andere, die an einem solchen Vorhaben beteiligt sind, haben natürlich ganz andere Fragestellungen an den Bau. Wie verständigt man sich da?
Haas: Hans-Erich Kubach, der Kunsthistoriker, mit dem ich bei der Bauaufnahme des Speyerer Doms zusammenarbeitete, war außerordentlich kooperativ, und überhaupt nicht daran interessiert, irgend etwas an sich zu ziehen, obwohl ihn das, was ich da getrieben habe, heftig interessiert hat. Kubach hat mir große Teile der Ausarbeitung überlassen, weil sich das eben ergeben hat. Jeder von uns hat stets das Seine zur Zusammenarbeit beigetragen: Wenn beispielsweise einer mit einer These zur Klärung eines Befundes kam, hat der andere automatisch alle Gegenargumente zusammengekratzt, und man hat darüber so lange geredet, bis man einigermaßen sicher war, daß jetzt alle möglichen Fehlerquellen ausgeschaltet waren. Das funktionierte ausgezeichnet.
dd: Wie funktionierte die Zusammenarbeit mit Handwerkern?
Haas: Diese Frage betrifft jetzt die praktische Denkmalpflege. Hierzu wieder zwei Beispiele:Eine Turmkapelle in einem Dom, der restauriert wurde. Der Putz war an vielen Stellen offensichtlich locker und teilweise auch schon abgefallen. Ich sagte, was locker ist, kommt weg, aber im übrigen lassen wir den Putz da und ergänzen ihn. Als ich einige Tage später wieder hinkam, mußte ich feststellen, daß man die Probe, was locker und was noch fest war, mit dem Preßlufthammer gemacht hatte. Da war also ein - meinem Eindruck nach - einsichtiger und gut ausgebildeter Polier, der überhaupt nicht kapiert hatte, worauf es ankommt. In einem anderen Fall wurde ich in eine Kirche gerufen, wo der Fußboden erneuert werden sollte, wobei Mauerreste unter dem Fußboden zum Vorschein kamen. Ich bat darum, mir jemand zum Bandmaßhalten abzuordnen. Der Polier gab mir einen Jugoslawen, der erst seit zwei Tagen auf der Baustelle war und kein Deutsch sprach. Ich habe ihm mit Gesten klargemacht, um was es mir ging. Dann bin ich weggegangen, um zu Mittag zu essen. Es dauerte länger als die halbe Stunde der Mittagspause auf der Baustelle, und als ich wiederkam, hatte der Jugoslawe sämtliche Mauerflächen in ausgezeichneter Weise mit dem Besen herauspräpariert. Das war der Fall eines "unbrauchbaren" Hilfsarbeiters, der sich beim näheren Zusehen als überaus verständig erwiesen hat. Die Zusammenarbeit ist also nicht vom Ausbildungsstand derer abhängig, mit denen man zu tun hat.
dd: Haben Sie selbst Gebäude auch einmal auf ihr Potential hin untersuchen, also sich der Frage einer Umnutzung stellen müssen?
Haas: Ja, solche Fragestellungen hat es gegeben. Wir haben aber nur wenige Untersuchungen gemacht, die dann jeweils ein wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TH Darmstadt federführend übernommen hat. Ich denke zum Beispiel an das romanische Haus in Seligenstadt, ein Wohnhaus, von dem man nicht allzu viel wußte. Es hat sich im Laufe der Untersuchungen als ein in fast allen Einzelheiten erkennbarer romanischer Bauteil einer mehrteiligen Anlage herausgeschält. Da stellte sich die Frage, was man mit diesem Gebäude machen kann, das durch seine günstige Lage im Gesamtkomplex des Rathauses von Seligenstadt nun auch vom Rathaus mitgenutzt wird. Ich bin jetzt längere Zeit nicht mehr dagewesen und kann nicht sagen, wie sich das bewährt hat.
dd: Das sind natürlich die Punkte, wo man als Denkmalpfleger mit Nutzungsansprüchen des Bauherren einerseits und mit Ideen und Vorstellungen des Architekten andererseits konfrontiert wird...
Haas: Da sind wir an dem Unterschied der Denk- und Vorgehensweise des Architekten und des Denkmalpflegers. Der Architekt fragt in solchen Fällen: "Was will ich?" und der Denkmalpfleger fragt: "Was will der Bau?"
dd: Ist das tatsächlich die Frage, die der Architekt stellt oder stellen darf: Was will ich?
Haas: Ich habe öfter erlebt, daß Architekten mit fertigen Vorstellungen an die Dinge herangegangen sind und dann durch Befunde nur schwer davon abzubringen waren. Ich erinnere mich aber an einige Fälle, wo man dann über solche Dinge diskutiert hat und es durchaus möglich war, daß der Architekt mehr auf das Gebäude eingegangen ist als er ursprünglich vorhatte. Übrigens gab es auch bei Ingenieuren solche "Fälle", wo zunächst einmal schon alles klar und entschieden schien, und bei näherem Zusehen und Durchdenken und Durchsprechen der Anforderungen doch noch Wege gefunden wurden, mehr von der Bausubstanz zu erhalten, als es zunächst möglich schien.
dd: Haben Sie das Gefühl, daß man, wenn man aus der Uni herauskommt, für viele Aufgaben, die sich heute beim Bauen im Bestand stellen, überhaupt gewappnet ist?
Haas: Mir fällt ein Kollege ein, ein arbeitsloser Architekt, der als ABM-Kraft an die bayerische Denkmalpflege geschickt wurde. Ich hörte, es sei das hölzerne Dachwerk eines Kirchturms freigelegt, es sei eingerüstet und zugänglich. Ich kannte den Mann nicht, ich wußte nur, der ist neu und wohnt in der Nähe. Ich habe ihn also hingeschickt und gebeten, er möge so viel wie möglich von diesem Dachstuhl aufnehmen. Tags darauf kam er und erzählte, das sei eine merkwürdige Konstruktion. Es gebe da Hölzer, die so, und andere, die ganz anders verbunden seien. Dann erklärte er mir, ohne das Phänomen und die Fachausdrücke dafür zu kennen, den Unterschied zwischen Zapfen- und Blattverbindungen. Er hatte auch gesehen, daß in die Balken irgendwelche Kerben eingeschnitten waren. Er hat registriert, wo sie waren, und wie sie aussahen. Kurzum, er hat, ohne die geringste Ahnung zu haben, was er eigentlich tut, eine komplette Bauuntersuchung dieses Turmhelms vorgelegt. Der Kollege hat während seines ganzen Architekturstudiums nichts über historische Holzkonstruktionen erfahren, aber er hatte Augen im Kopf und die Fähigkeit, Spuren von Arbeitsvorgängen zu lesen. Er hat übrigens bald eine Dauerstelle bei der Denkmalpflege bekommen.
dd: Was muß Ihrer Meinung nach ein Architekt über bauhistorische Inhalte und Methoden wissen, um fachgerecht mit der Substanz umgehen zu können? Was kann er sich an Wissen und Kompetenz sozusagen zukaufen?
Haas: Da kommen wir an einen schwierigen Punkt. Das ist nämlich die Qualifikation, die man sich erwerben kann. Die Ausbildung zum Denkmalpfleger findet nicht im Hörsaal statt, sondern am Denkmal. Das Hören auf das Denkmal, das Hinschauen und das Mitdenken muß man am Objekt lernen. Und wenn man das an einem Objekt gelernt hat, dann kann man es am nächsten weiterentwickeln und vertiefen und kann auch schon mit einem gewissen Vorsprung an Erkenntnis drangehen. Die Tätigkeit im Hörsaal - und ich spreche auch von meiner eigenen - ist allenfalls eine Ergänzung und ein Neugierigmachen. Wenn man einen Zuhörer dazu bringt, bei nächster Gelegenheit eine Frage zu stellen, die er sonst nicht gestellt hätte, dann ist das etwas, was man als Lehrerfolg erhoffen kann.
dd: Was bringen dann eigentlich Aufbaustudiengänge, die sich auf die Fahnen heften, in zwei Semestern eine Qualifikation zu liefern, die man Bauherren oder Einrichtungen wie den Landesdenkmalämtern vorlegen kann?
Haas: Alles hängt daran, wieviel man mit den Objekten selbst zu tun bekommt. Ein Zertifikat sagt im Grunde das nicht, was es sagen sollte, nämlich daß der damit Behaftete tatsächlich wesentlich tiefere Kenntnisse hat als ein anderer. Nur wenn jemand einige Jahre lang praktisch tätig war, angeleitet wurde, experimentieren konnte und die mehr oder weniger alltäglichen Arbeiten getan hat, kann man von einer Qualifikation sprechen, die zu selbständiger Tätigkeit befähigt.
dd: Die Landesämter sind andererseits gar nicht befugt, Empfehlungen auszusprechen. Selbst wenn sie einen wirklich qualifizierten Architekten kennen, können sie diesen nicht mit einem hilfesuchenden Bauherrn zusammenbringen.
Haas: Da gibt es ganz erhebliche Schwierigkeiten. Selbstverständlich wird man - muß man - die richtigen Leute an die richtige Stelle bringen. Die Vorschrift, daß man da keine Empfehlungen geben darf, hat ihre Berechtigung, weil die Gefahr, daß man Vetternwirtschaft betreibt, durchaus gegeben ist. Trotzdem ist es schließlich das Ziel, daß die Arbeiten richtig gemacht werden. Also sollte man die Vorschriften darauf ansehen, ob sie für die Sache geeignet sind. Das sind sie in vielen Einzelfällen eben nicht, und dann muß man sehen, wie man an diesen Vorschriften vorbeikommt. Hierzu kann es Wege geben, die gar nicht illegal sind. Das hat auch etwas mit Mut zu tun.
Lebenslauf
Walter Haas, geboren 1928 in Nürnberg
Abitur 1947
Architekturstudium an der TU Stuttgart
1955 Diplom, 1958 Regierungsbaumeister in Stuttgart
1958-61 Bauaufnahme am Dom in Speyer für das Landesamt für Denkmalpflege Rhld.-Pfalz
Promotion zum Dr.-Ing. an der Universität Braunschweig
1961-78 am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege als Bauforschungsreferent
1978-95 Professor für Baugeschichte an der TH Darmstadt. Emeritierung 1995
Seit 1997 Honorarprofessor für Baugeschichte und Denkmalpflege an der Universität München
Verstorben im Januar 2005
Mittwoch, 2. Februar 2005
Posthum: Interview mit Prof. Walter Haas
Sonntag, 27. Juli 2003
Werkbericht Dipl. Ing. Franz Josef Hamm
Vor der langen Baugeschichte der von ihm bearbeiteten Objekte mag das bisher 36jährige Werk eines Architekten auf den ersten Blick unbedeutend erscheinen. Allerdings fällt Franz Josef Hamms Wirken auf den Beginn einer Epoche, in der man sich in Deutschland allmählich (und vielerorts zu spät) wieder auf den Wert und das Potential historischer Gebäude und Stadtstrukturen besann.
Altes Rathaus Dausenau (Lahn): Sanierung und Teilrekonstruktion (1978-1985)

Der Sanierung ging ein genaues Aufmaß voraus, aus dem die ursprüngliche Gestalt des Gebäudes mit steilerem Dach rekonstruiert werden konnte; eine verlorene Außenerschließung entnahm man einer zufällig wiederaufgefundenen Zeichnung. Aus dem schlechten konstruktiven Zustand des Daches heraus wurde die Entscheidung getroffen, dieses unter Wiederherstellung der ursprünglichen Neigung neu aufzuzimmern und das noch brauchbare Eichenholz zur Reparatur der Fassaden zu verwenden. Die Decken wurden, um den neuen statischen Anforderungen zu genügen, teilweise in Leimholz neu erstellt. Das zentrale Element des Tragwerks, eine durch alle Geschosse durchlaufende hölzerne Mittelsäule, wurde jedoch unverändert beibehalten.
Leitidee war die Rückführung des Gebäudes auf seinen konstruktiven Ursprungszustand. Viele Stütz- und Hilfskonstruktionen, die im Laufe von Jahrhunderten zerstörte Tragglieder unterstützen sollten, wurden entfernt, und statt dessen die Primärkonstruktion so weit ertüchtigt oder erneuert, daß sie dem Bau erneut die nötige Standsicherheit verleiht. So wurde das Wesen des Objektes wieder sichtbar gemacht. Die statisch und räumlich notwendigen Eingriffe (Decken, Spindeltreppe und hochwassersichere Stahlbetonwanne) sind dabei leicht ablesbar in modernen Baustoffen und Techniken, jedoch - wo möglich - mit handwerklichen Mitteln ausgeführt.
Weniger deutlich wird die Unterscheidung zwischen vorgefundenen und rekonstruierten Bauteilen bei den Elementen, die das Gebäude in seinem Umfeld verankern, namentlich der rekonstruierten Außentreppe zum Wehrgang und dem sich anschließenden neu aufgeführten Stadtmauer-Teilstück. Hier wurde auf eine Artikulation in zeitgemäßen Formen und Materialien zugunsten eines homogenen städtebaulichen Gesamterscheinungsbildes verzichtet. Hamm begründet die Rekonstruktion einerseits aus der Nutzung der Ergänzungen als Fluchtwege und andererseits als eine Wiederherstellung eines modellhaften Ausschnittes aus der Orts- und Baugeschichte.
Flörsheimer Warte: Schöpferische Rekonstruktion (1996)
Eine vollständige Rekonstruktion stellt der Bau der Flörsheimer Warte bei Wicker dar. Der Aussichtsturm war ursprünglich einer von vier rechtsrheinischen Wachtürmen der Mainzer Fürstbischöfe an der Mainmündung. Die Lage des Vorgängerbaus war zwar durch ergrabene Fundamente bekannt; der Turm selbst war jedoch bereits im 19. Jahrhundert auf Abbruch verkauft und als Steinbruch benutzt worden. Man entschied sich also, die originalen Fundamentstrukturen unangetastet zu lassen und einen kompletten Neubau in unmittelbarer Nähe aufzuführen.Die Warte präsentiert sich Wanderern und Radfahrern auf dem Regionalparkweg Rhein-Main heute als trutziger Turm in Bruchsteinmauerwerk über betoniertem Keller und Fundamenten. Das Obergeschoß ist, anders als beim namensgebenden Bau, den man aus zeitgenössischen Stichen kennt, großzügig durchfenstert. Den Abschluß bildet ein kegelförmiger, in Titanzink gedeckter Helm.
Ziel war bei diesem Bau die Wiedergewinnung des historischen Ortes, sowohl als Veranschaulichung eines Grenzverlaufes, als auch als weithin sichtbare Landmarke in den Weinbergen um Wicker. Demzufolge ist die Fernwirkung wuchtig, fast archaisch, und nichts deutet aus der Ferne darauf hin, daß man einem Gebäude des ausgehenden 20. Jahrhunderts gegenüber steht.In den Details ist das Gebäude jedoch unverkennbar modern: Fenster- und Türgewände bestehen, ebenso wie das abschließende Kranzgesims mit den Wasserspeiern, aus industriell präzise gearbeiteten Betonfertigteilen.
Die Metallarbeiten an Treppengeländern, ein Türgitter und ein vorgelagerter 'hessischer' Löwe entstanden in Zusammenarbeit mit Barbara und Gernot Rumpf aus Neustadt/Weinstraße und bringen ein teilweise humoristisches Element in das Gebäude. Zahlreiche im und um das Gebäude aufgestellte Schautafeln erläutern die Geschichte des Ortes und verweisen auf den Neubau-Charakter des Turmes. Leider werden die originalen Fundamente dabei leicht übersehen. Bei einem Besuch konnte uns niemand den Weg dorthin weisen. So selbstverständlich markiert der neue Turm den Ort und schreibt seine eigene Geschichte, daß wohl die wenigsten Gäste der als Ausflugslokal genutzten Warte sich die Frage nach alt oder neu ernsthaft stellen.
Kapelle des Marienhofs in Limburg/Lahn: Restaurierung (1983-85)
Beim Umbau des ehemaligen Pferdestalls eines früheren Bauernhofes zum Novizenhaus der Pallottinerinnen konnte dagegen auf eine weitgehend intakte bauzeitliche Substanz zurückgegriffen werden. Durch Entfernung störender Bauteile aus den 50er Jahren und behutsame Ergänzung vorhandener Elemente (z.B. der Vordächer) konnte das Gebäude nahezu im Originalzustand wiederhergestellt werden. Größere Probleme ergaben sich aus der früheren Nutzung: Nach der Stallfunktion war das Mauerwerk durch die Toilettenanlage einer Gastwirtschaft weiter mit Nitraten belastet worden.Die Klinkerwände wurden frei vor die gereinigten Wände gestellt. Durch offene Stoßfugen im Sockel und Kopfbereich sind die Wände hinterlüftet. Auf die übrigen Flächen wurde nach der Entfernung belasteter Putze ein neuer Putz aufgetragen, dem ein Porenbildner zugesetzt war.Von außen ist die neue Funktion durch die künstlerisch gestalteten bleiverglasten Fenster und die vor die ehemalige Stalltür gesetzte Betonscheibe mit kreuzförmiger Lichtöffnung leicht ablesbar. Letztere bildet einen kleinen Chorraum.
Im Inneren ist ein Raum von großer Schlichtheit entstanden, der meditative Ruhe ausstrahlt. Sparsame, einfühlsam gesetzte Akzente wie die Tabernakel-Nische und das Chorfenster wirken als Fixpunkte. Ausgewählte Materialien (quadratische Ton-Bodenfliesen und gelbe Klinkerwände mit Betonstürzen) sorgen für Klarheit; die geputzte Kappendecke moduliert das Licht weich.
Auch hier sorgt die Zusammenarbeit mit der Künstlerin Christine Stadler aus München dafür, daß qualitätvolle Bauplastik die Strenge mildert. So hat Hamm aus einem Zweckbau mit wenigen Eingriffen ein verstecktes Kleinod geformt, das seine profane Herkunft gleichwohl nicht verleugnet.'Aller Glanz ist innerlich', zitiert Hamm den Heiligen Augustinus, um den Grundgedanken dieser Maßnahme zu erläutern, bei der die städtebauliche Situation der dörflichen Brückenvorstadt wiederhergestellt und im Innern ein neuer Ruhepunkt geschaffen wurde.
Fischmarkt 8/9 in Limburg/Lahn: Umbau und Restaurierung (1989-91)
Eher eine Rettungsmaßnahme als eine Sanierung stellt Hamms Arbeit am Fischmarkt in Limburg dar. In die Substanz des ursprünglich allein zu bearbeitenden Gebäudes Nr. 8 war während mehrer Jahrhunderte Aus- und Umbautätigkeit in einer Weise eingegriffen worden, daß akute Einsturzgefahr bestand. Die ältesten Bauteile von 1343 mit den inneren Tragstrukturen waren ursprünglich ohne eigene Giebelwände zwischen zwei bestehende Häuser gehängt worden. Diese Bauteile waren nicht sanierungsfähig. Gut erhalten und daher wiederverwendbar waren hingegen die Traufwände der Aufstockung von 1518 und die nach Abbruch des südlichen Nachbargebäudes 1613 ergänzte Giebelwand.Da eine Wiederherstellung der originalen Tragstrukturen weder architektonisch, noch städtebaulich möglich war, konnte eine Sicherung nur gelingen, wenn das Gebäude mit seinem konstruktiv untrennbar verbundenen Nachbarhaus als Einheit behandelt würde.Die Voraussetzung hierfür wurde durch eine Änderung der Eigentumsverhältnisse geschaffen. Nun konnte durch den Einbau eines Beton-Treppenhauses, das beide Gebäude erschließt, ein konstruktives Rückgrat hergestellt werden. Dieses bildet den tragenden Kern des Hauses Nr. 8 und verankert das Nachbarhaus, das sich, von großen Auskragungen bei minimaler Standfläche gezogen, bereits bedrohlich zur Seite geneigt hatte.
Als geeignete Konstruktion zur Wiederherstellung der unteren Geschosse kam aufgrund der geringen Grundfläche des Gebäudes allein ein Stahlskelett in Frage. Die dem Fachwerk nachempfundene Fassade aus verzinkten IPB-Profilen, die zunächst wie ein Akt schöpferischer Denkmalpflege erscheint, ist also das Ergebnis eines funktional orientierten Entwurfsprozesses. Gestalterisch wird die Maßstäblichkeit des hölzernen Fachwerkes reflektiert, die Details entsprechen jedoch konsequent den Fügungsprinzipien des Stahls. Daß die Lösung bauphysikalisch nicht optimal ist, wurde um der Grundrißökonomie willen in Kauf genommen. Das Haus Nr. 9 war, da es erst kurz zuvor saniert worden war, konstruktiv in gutem Zustand. Durch eine Verankerung mit Stahltrassen, die bei Bedarf durch Spannschlösser im Wandzwischenraum zwischen den beiden Häusern nachjustiert werden können, wurde es in seiner momentanen Neigung gegen seinen Nachbarn fixiert. So stehen die beiden Häuser in einer Symbiose wie siamesische Zwillinge, von denen keiner ohne den anderen sein kann - auch wenn dies dem Betrachter verborgen bleibt.
Die am Fischmarkt 8/9 angewandte Verbindung von maßstäblicher Rekonstruktion mit neuen Mitteln und ingenieurmäßigem Vorgehen (Statik: Helmut Ebenritter) bezeichnete Horst Thomas in seinem 1998 erschienenen Buch 'Denkmalpflege für Architekten' als beispielhaft.
Roßmarkt 15 in Limburg/Lahn: Umbau und Erweiterung (1998-2001)
Das Haus besitzt einen Keller, der auf einen Vorgängerbau zurückgeht. Um diesen in das Gebäude einzubinden und zugleich die zweigeschossige Wohnhalle wieder zum Mittelpunkt des Wohnbereiches zu machen, wurde dem Eingang ein containerartiger Erschließungsbau vorgestellt. Dieser dient als Windfang und nimmt eine Gästetoilette und eine Garderobe auf. Mit seiner flächigen Holzverschalung hebt er sich deutlich von der Skelettkonstruktion des Hauptgebäudes ab. Ein direkt angrenzender neuer Wintergarten mit der Treppe in den Keller ist als Aluminiumkonstruktion erstellt, die sich als moderne Interpretation der schlanken Holzprofile des Fachwerkbaus versteht. Alle Zubauten sind deutlich als modern erkennbar und einfach rückbaubar.
Die Eingriffe in die historische Fassade beschränken sich auf den Rückbau von späteren Veränderungen. Die zu einer ursprünglichen Außenerschließung über eine Galerie gehörenden Türen wurden freigelegt und dienen als zweiter Rettungsweg im Brandfall. Die Raumaufteilung bezieht sich stark auf die ursprüngliche Grundrißgliederung. Daß dabei eher viele als große Räume entstehen, versteht sich, ist aber bei einer vielköpfigen Familie vielleicht nicht von Nachteil. Die direkt in die Wohnküche übergehende Halle, in die sich das erste Wohngeschoß als Galerie einschiebt, vermittelt mit der mächtigen Zentralsäule jedenfalls noch viel vom Gefühl eines Lebensmittelpunktes.
Alle Arbeiten am Bestand wurden - abgesehen von notwendigen Sicherungen - mit traditionellen Handwerkstechniken und Materialien ausgeführt: Ausfachungen aus Ziegeln, Innenwände und Putze aus Lehm, Böden aus alten, wiederverwendeten Eichendielen, Kölner Decken mit Lehmstrich. All dies sorgt nicht nur für ein gesundes Raumklima, sondern auch für eine authentische Raumwirkung. Die zurückhaltend grau-weiße Farbfassung der Fassade ist dagegen fiktiv, denn es gab keinerlei Farbbefunde. An dieser Stelle wären Hölzer in dem für Limburg typischen Rot aber vor den über dem Gebäude emporragenden Schloßmauern wohl zu auffällig gewesen.
Im Gebäude Roßmarkt 15 mag man vielleicht die Essenz der Hamm´schen Tätigkeit in Limburg sehen: Einfühlsamer Umgang mit historischer Substanz, selbstbewußte Hinzufügung von Neuem, getragen von einer funktionalen Entwurfshaltung und einem Bekenntnis zur Reversibilität der Eingriffe durch den Architekten.
an, cp
Lebenslauf in Kürze
1952-55 Lehre als Baukaufmann
1957-60 Architekturstudium Staatsbauschule Idstein/Ts.
1960-65 Mitarbeit in zwei Büros in Limburg und Wiesbaden
Seit 1965 als freischaffender Architekt (BDA und dwb) und Gutachter tätig
Auszeichnungen
1970 Rompreis der Villa Massimo
seit 1976 zahlreiche Prämierungen durch den Hessischen Heimatbund sowie durch verschiedene Städte, Kommunen und Landkreise
1982 Staatspreis für Architektur und Städtebau Rheinland-Pfalz (Anerkennung)
Seine Arbeitsschwerpunkte im Bereich der Denkmalpflege und Gebäudeerhaltung bilden die Grundlage für Lehrtätigkeiten (z.B. am Zentrum für Handwerk und Denkmalpflege in Fulda) und Veröffentlichungen.
Montag, 15. Juli 2002
Brückenschlag zwischen Alt und Neu
Stammhaus der Nassauischen Sparkasse:
Architekten Kissler + Effgen, Wiesbaden
Banken schmücken sich gern mit ihrer jahrhundertelangen Tradition. Genauso gern betonen sie ihre Zukunftsorientierung und Innovationskraft. Schön, wenn sich solche Schlagworte - wie bei der NASPA-Zentrale - auch in der räumlichen Gestaltung widerspiegeln und für den Kunden erlebbar werden.
Baubeschreibung
Äußerlich wirkt das langgestreckte Bankgebäude durch seine verputzte Fassade im Rundbogenstil recht unspektakulär. Durch den restaurierten Eingangsbereich im Mittelrisalit gelangt man in die neue, 970 Quadratmeter große Kundenhalle. Hier stehen sich Alt und Neu selbstbewußt gegenüber. Sie sind durch eine gläserne Dachkonstruktion und zwei Stege miteinander verbunden und durch kontrastierende Materialien klar voneinander unterschieden.
Aufmerksame Betrachter können anhand von Grundrißform und Fassadenabwicklung die Baugeschichte des Gebäudekomplexes ablesen, der im Laufe von mehr als einem Jahrhundert zu einer großen Dreiflügelanlage angewachsen ist: Der erste Bauabschnitt, das Eckgebäude mit dem halbrunden, freitragenden Treppenhaus von 1863 (Arch. Richard Goerz), wurde 1916, der ursprünglichen Konzeption entsprechend, vom Kölner Baumeister Carl Moritz an der Rheinstraße zu einer symmetrischen Anlage mit repräsentativer zentraler Eingangssituation ergänzt. 1982 folgte ein weiterer Bauabschnitt, bei dem der Innenhof mit einer eingeschossigen Kundenhalle und darüberliegenden Quertrakten überbaut wurde.
Der aktuelle Umbau macht die Eingriffe des letzten Bauabschnittes teilweise rückgängig. Zwischendecke und Quertrakte im Hof sind abgebrochen worden; ihre Lage läßt sich nur noch durch den Zuschnitt der Öffnungen in der Altbaufassade erahnen. Ein sinnvoller Eingriff, bei dem die ursprüngliche Gebäudestruktur wieder herausgearbeitet und Raum für die großzügige und lichtdurchflutete Kundenhalle gewonnen wird.
An der Brandwand zum Nachbargebäude ist ein dreigeschossiger, einbündiger Bürotrakt entstanden, der über den Innenhof belichtet und belüftet wird. Dahinter schließen sich, um einen begrünten Innenhof gruppiert, Nebengebäude mit der Cafeteria und weitere Räume ohne Publikumsverkehr an.
Formensprache
Die Formensprache des Neuen ist zeitgemäß und sachlich. Ihre Verwandtschaft mit dem massiven Altbau offenbart die Skelettkonstruktion durch Beibehaltung des menschlichen Maßes, rhythmische Reihung von Elementen und horizontale Betonung der Geschoßteilung. Umbau und Erweiterung bestechen durch präzise und optisch wie haptisch ansprechende Details.
Ein vorbildlicher Umbau also, der in Fachkreisen ebenso auf positive Resonanz stößt wie bei den Mitarbeitern und Kunden der NASPA. Grund genug, sich mit den Planern und deren Arbeitsweise auseinanderzusetzen:
Architekten
Aus dem 1997 von der NASPA durchgeführten Wettbewerb ging das Büro Kissler + Effgen als Preisträger hervor. Die Entwurfshaltung der an der TH Darmstadt ausgebildeten Architekten ist 'einfach': Ziel ist es, den Entwurf aus den Besonderheiten der Bauaufgabe zu entwickeln. Die Architekten betrachten Gestaltung vorurteilsfrei und rational, ohne dabei räumliche und atmosphärische Qualitäten zu vernachlässigen. Nachhaltigkeit und Werterhalt sind für sie ebenso entscheidende Maßstäbe für architektonische Lösungen wie Nutzbarkeit und Materialgerechtigkeit. Dieser Grundhaltung entsprechend legte das seit 1988 bestehende Büro seinen Tätigkeitsschwerpunkt auf das Bauen im Bestand. Nicht bei allen Projekten handelte es sich um denkmalgeschützte Substanz; dennoch bildete der sensible Umgang mit dem Vorhandenen stets eine wichtige Grundlage für den Entwurf.
Denkmalschutz
Auch im vorliegenden Fall hatte man es nur teilweise mit denkmalrechtlichen Fragen zu tun: der erste Bauabschnitt von Goertz mit seinen Naturstein-Details und dem spektakulären Treppenhaus stand unter Schutz; im übrigen war die Fassade zur Rheinstraße unangetastet zu lassen. Bei der zuständigen Denkmalschutzbehörde rannte man mit dem Vorschlag, die Gesamtanlage in ihrer ursprünglichen Konzeption wieder erlebbar zu machen, die sprichwörtlichen offenen Türen ein. Schon in der Entwurfsphase suchten die Architekten den Kontakt mit den Behörden, die das Projekt dann auch in der Antrags- und Werkplanung kontinuierlich begleiteten. In ständigem Austausch wurden sanierungstechnische Lösungen, Farbgestaltung und Materialauswahl für den Altbau erarbeitet; die Zusammenarbeit wird von den Architekten als konstruktiv und fruchtbar bewertet.
Details
Besonders aufwendige restauratorische Behandlung erhielten neben dem qualitätvollen Sandstein-Gesims zur neuen Kundenhalle insbesondere die Treppenhäuser. Hier kamen nach der Entfernung der textilen Bodenbeläge die originalen Sandstein-Blockstufen zum Vorschein. Das Sanierungskonzept für die baukünstlerischen Details erarbeitete man in enger Zusammenarbeit mit den beteiligten Handwerksfirmen.
Großer Wert wurde darauf gelegt, nicht nur den neuen Arbeitsplätzen in den Neubautrakten besondere Qualitäten zu geben. Die Büroräume im Altbau erhalten ihre Atmosphäre gerade durch die Besonderheiten des historischen Gebäudes: die originalen, aufgearbeiteten Bodenbeläge, die geputzten Wandflächen mit Sandsteingewänden und nicht zuletzt die enorme lichte Raumhöhe von 4,50m, die durch die Herausnahme der Deckenabhängungen wieder voll erlebbar gemacht wurde.
Durch die Wegnahme der störenden Quertrakte wurde die Hofseite erstmals in ganzer Länge sichtbar und zu einer Schauseite. Alte wie neu hergestellte Öffnungen erhielten eine elegante Gliederung mit schmalen Sandsteingewänden. Diese verstehen sich, wie die umlaufenden Brüstungsgesimse, als eine zeitgemäße Interpretation der traditionellen Fassadenelemente.
Die Konstruktion des Glasdachs, das Alt- und Neubau verknüpft, stellte eine ingenieurtechnische und gestalterische Herausforderung dar: Die Primärträger ruhen auf der Altbauseite auf über zwei Geschosse in das Mauerwerk eingeschlitzten Stahlstützen. Durch geschickte Wahl des Tragsystems gelang eine außergewöhnlich filigrane Konstruktion, die allen Anforderungen an Sonnen-, Blend- und Wärmeschutz, Belichtung und Belüftung, Entwässerung und Reinigung in vollem Umfang gerecht wird.
Fazit
Die Architekten Kissler + Effgen haben mit dem Umbau des NASPA-Stammhauses in mehrfacher Hinsicht Neuland betreten: Erstmals ist es hier gelungen, in einem von natürlichem Zenitlicht beleuchteten Raum die Anforderungen an Bildschirmarbeitsplätze zu erfüllen. Zugleich haben sie bewiesen, daß es möglich ist, einen Altbau in ästhetisch, technisch und denkmalhistorisch überzeugender Weise an die Erfordernisse eines modernen Bankhauses anzupassen.
an, cp